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Lupin

Lupin kann man, kurz und präzise, als eine Band bezeichnen, die Jazz und Pop in ihrer Musik vereinigt. Nur irgendwie: ganz anders, als man es sich bei dieser Genrekombination gemeinhin vorstellt – mit lahmen Easy-Listening haben diese vier nämlich nichts zu tun. Denn dazu kommen auch noch Dub, HipHop, Reggae, Funk, Elektro und – deutsche Texte. Klingt gewöhnungs-bedürftig? Keine Angst: Am Werk sind vier junge Musiker aus Dachau, die all das in ganz bodenständige Songs stecken. Die dazu ihre Instrumente mehr als nur beherrschen. Und die trotz ihres kurzen Bestehens schon regelrecht Geschichte geschrieben haben. Neugierig? Der Reihe nach ...

Begonnen hat alles mit einer ganz anderen Band: den Bojitos. Für die Dachauer Reggae-, Pop- und Latinband war der heutige Lupin-Chef Sascha Seelemann nämlich langjährig als Songwriter, Texter, Sänger und Pianist tätig und verdiente sich so seine ersten musikalischen Meriten. Dank unzähliger Gigs, die der Band einen großen Bekanntheitsgrad auch über Bayern hinaus verschaffte, konnte die 8-köpfige Formation bald Vorband-Slots für u.a. Jamaram und John Butler ergattern. Das Erfolgsrezept hatte nicht zuletzt Sascha Seelemann geprägt: Locker-tanzbare Reggae-Grooves treffen auf eingängige Pop-Hooklines, gewürzt von ausgefeilten Bläser-, Piano- und Gitarren-Arrangements.  Entsprechend positiv fielen die Resonanzen für das Debütalbum Dance Off Your Shoes aus, das 2009 herauskam:  „... ein Album, das geradezu zur fröhlich-rhythmischen Körperbewegung zwingt und mit seiner Leichtigkeit dazu einlädt, sich von allem Einengenden frei zu machen urteilte etwa Norbert von Fransecky im Online-Musikmagazin musikansich.de. Weitere Auftritte – auch weit über die Heimat hinaus – waren die Folge. Nach Erscheinen des Albums zeigte sich jedoch auch, dass die Lebenspläne der Mitglieder zu unterschiedlich ausfielen, um ein so großes Projekt wie die Bojitos weiter betreiben zu können. Ein letztes Konzert auf dem Dachauer Altstadtfest besiegelte 2010 daher das Ende der Band – unter dem Wehklagen hunderter Fans.

Sascha Seelemann hatte unterdessen bereits einen soliden Job als Radiomoderator bei Radio Energy angenommen – der ihn unter anderem in die privilegierte Lage brachte, seine Jugendidole persönlich zu treffen. Allen voran: der britische Jazzpop-Star Jamie Cullum. Der ließ sich sogar zu einer spontanen Jam-Session mit Sascha überreden, die heute noch im Internet zu bestaunen ist. Manch einer hätte es in einer solch komfortablen Situation vielleicht mit der eigenen Musik bewenden lassen – nicht so Sascha.

Seine Ideen brennen ihm so unter den Nägeln, dass er schon bald nach dem Ende der Bojitos eine Vision für sein eigenes Projekt entwickelt. Anders soll es sein. Seine Musik – zu hundert Prozent, ohne Wenn und Aber, ohne Kompromisse. Dieser Grundgedanke führt zur ersten Form von Lupin, folgerichtig als Ein-Mann-Projekt. Nur eine kleine, elektronische Loop-Station soll Sascha am Klavier noch behilflich sein dürfen. (Womit sich wohl auch die Frage nach dem Hintergrund des Bandnamens erledigt haben dürfte ...) Nach einigen Soloauftritten wächst dann allerdings doch der Wunsch nach zusätzlichen Mitmusikern, um den elektronisch geprägten Lupin-Sound um ein organisches, natürlich klingendes Element zu bereichern.

In der lebendigen Musikszene Dachaus kein Problem: Für das Schlagzeug kann Lupin Lorenz Flach verpflichten, für den Bass Marcus Steinlechner. Beide wurden musikalisch bei Orange Fizz groß, die seit mehreren Jahren als die absolute Funk-Bastion der Region gelten, Marcus war auch schon bei den Bojitos für den Tieftöner zuständig. Zu dieser absolut tighten Rhythmusgruppe kommt schließlich noch Gitarrist Lukas Häfner, der sich bis dato als Gitarrenlehrer an einer Dachauer Musikschule verdingte und den Gesamtsound von Lupin alsbald mit geschmackvoller Rhythmusarbeit und Soli im Stil von Robben Ford oder Joe Bonamassa bereichert. Spätestens mit dieser neuen Formation kann Lupin voll durchstarten: Eine Vielzahl von Gigs in Dachau, München und Umgebung stoßen auf begeisterte Fans und Presse und sorgen für gespannte Vorfreude auf einen ersten Lupin-Tonträger.

Vorher steht jedoch noch etwas ganz anderes an: Als offizielle Begleitung einer Dachauer Delegation wird Lupin von der Stadt Dachau eingeladen, in Jerusalem zu spielen. Eine heikle Angelegenheit: Noch nie zuvor hat eine Band aus dem Ort, der in der Welt hauptsächlich mit dem ehemaligen Konzentrationslager in Verbindung gebracht wird, einen Auftritt in Israel absolviert. Und tatsächlich ist die Skepsis auf israelischer Seite groß – gerade bei jenen, deren Familien selbst vom Holocaust betroffen waren. Doch die beiden Städte halten an diesem Konzept fest. Und tatsächlich lösen sich alle Zweifel in Wohlgefallen auf: Lupin legen einen fulminanten Gig hin, und sogar der 86-jährige Vorsitzende der Aktion Sühnezeichen, Jakob Hirsch, der sich im Vorfeld eher reserviert zum geplanten Konzert äußerte, lässt sich zu einem spontanen Tanz vor der Bühne hinreißen. Und natürlich ist auch die Band selbst überwältigt von der Symphatie, die ihnen letztlich entgegengebracht wird: „Das war der musikalische Höhepunkt meines Lebens!“ schwärmt Sascha Seelemann, und Marcus Steinlechner legt nach: „Von diesem Auftritt werde ich noch meinen Enkeln erzählen!“ Kann es eine bessere Art von Völkerverständigung geben?

Angespornt von diesem wahrhaft historischen Ereignis legt die Band sofort nach und nimmt zunächst im Auftrag von Radio Fantasy, für das Sascha mittlerweile moderiert, einen Song für den FC Augsburg anlässlich dessen Sprungs in die Fußball-Bundesliga auf, der sich auf diversen Fan-Veranstaltungen schnell zur inoffiziellen Aufstiegshymne mausert. Und auch der nächste Knüller lässt nicht lange auf sich warten: Im Sommer 2011 bringt Lupin mit der Abschlag EP die erste offizielle CD der Band heraus, aufgenommen und produziert von Umberto Echo. Vier Songs sind darauf zu finden, die genau das beinhalten, was Lupin laut Sascha Seelemann auszeichnen soll: „Die Beats vom Hip Hop, den Style von Jazz und die Bässe vom Reggae!“ Zudem erfreut darauf eine unverbrauchte Mischung aus deutschen und englischen Texten das Ohr – sowie die schlichtweg unüberhörbare Klasse der vier Musiker. Und tatsächlich entwickelt sich die CD in kürzester Zeit zum Renner: Bei den nachfolgenden Konzerten können unmittelbar hunderte Exemplare ans begeisterte Publikum verkauft werden.

Bald soll es erneut ins Studio gehen – diesmal für ein ganzes Album. Man darf gespannt sein, wie Lupin damit an die erreichten Erfolge anknüpft. Nur um einige Grundkonstanten muss man sich wohl keine Sorgen machen: Tanzbar wird es bleiben, ausgefuchste Jazz-Elemente werden weiterhin auf eingängige Pop-Hooks treffen, analoge und elektronische Sounds werden sich genau wie englische und deutsche Texte eine organische Verbindung eingehen. Nur Easy-Listening-Belanglosigkeiten müssen draußen bleiben. Trotz Jazzpop.

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